Ein spitzer Schrei.
Beleuchtete Fenster im Erdgeschoss des Hauses auf der anderen Straßenseite. Zarte Federn, gebündelt an langen Fäden, in den kleinen Quadraten der Fensterscheiben. Die waren in sich beleuchtet, als Einladung zum Halloween-Klingeln für die Kinder der Umgebung. Hier würden sie etwas bekommen.
Ein ausgehöhlter Kürbis mit zwei flackernden Kerzen signalisierte das ebenso. Nur dort sollten die Kinder sich bemerkbar machen, wo es diese Einladungsutensilien gab. Nicht jedes Haus war freigiebig mit Süßem oder Saurem. Sogar auf wütende Reaktionen trafen sie, wenn sie sich nicht daran hielten.
Früher war es anders
Die ältere Generation kannte diesen Brauch zum Monatswechsel vom 31. Oktober zum 1. November nicht. Ihnen war eher Allerheiligen bekannt, wo man am 1. November zu den Gräbern ging und Gestorbene mit diesem Besuch ehrte. Sie waren als Kinder nicht von Tür zu Tür gegangen, um sich Süßes zu erbetteln. Und am Abend, im Dunkeln, schon gleich gar nicht, da blieb man zu Hause. Und um milde Gaben ersuchen – na ja, das fiel unter den Begriff Betteln, und sowas war damals verpönt, als Elenore noch jung war. Das mussten Arme machen. Zu denen gehörten sie nicht. Der amerikanische Brauch hatte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg ganz langsam eingeschlichen.
Wie überhaupt dieses ganze amerikanische Zeugs. Anfangs war es diese komische Musik, laut und mit Trommeln, und man schwang dazu die Hüften. Männchen und Weibchen. Kein anständiges Auffordern wie in ihrer Zeit, beim Tanzkurs. Man hüpfte einfach auf die Tanzfläche, musste nicht warten, bis jemand kam zum Auffordern. Was immer sowas von peinlich war, wenn sich kein Tanzpartner fand. Da saß man dann. Die anderen bewegten sich angemessen zu den Klängen der Tanzmusik vom Plattenspieler, und man selbst musste zusehen, wie sie ihre Schritte gut oder weniger gut absolvierten. Eleonore seufzte.
War etwas gewesen?
Sie schloss endlich die Eingangstür, an der sie die ganze Zeit, in ihren Gedanken versunken, gestanden hatte. War da nicht ein Schrei gewesen? Sie runzelte die Stirn, hüllte sich fester in ihre gestrickte graue Glitzerstola und schlurfte langsam zur Küche. Sollte sie nochmal nachschauen gehen? Woher der Schrei kam? Ein Aufschrei war es gewesen, so ein leicht schriller Schrei, wie man ihn tut, wenn man erschrickt. Kinder hatte sie nicht gesehen, und gehört auch nicht.
Vielleicht war es noch zu früh? Meistens kamen die süßsauren Bettelgruppen so gegen zwanzig Uhr. Jedenfalls vor der Tagesschau und nach den 19-Uhr-Nachrichten von SAT1. Sie öffnete ihnen nicht mehr. Aber sie hörte sie stets. Einmal hatte sie ihnen was gegeben, Bonbons und die kleinen Marsriegel. Aber sehr dankbar waren sie nicht, diese kleinen Biester. Außerdem waren es so viele geworden, und als sie am Ende nichts mehr geben konnte, wurden sie frech und beschimpften sie. Na ja, das waren Ältere gewesen, Mädchen im Teenageralter, die sich immer so schrecklich schminkten und sich dabei so toll vorkamen. Nicht die Kleinen, die noch in den ersten Klassen waren. Die waren ja noch nett.
Nicht für immer
Eleonore stand vor ihrem Kuschelsessel in der Küche und ließ sich schon wieder von ihren Gedanken entführen. Sie lebte meistens allein, seit sich ihr Mann sich vor zehn Jahren verdünnisiert hatte, und mit einer jungen Urlaubsbekanntschaft aus Südspanien in dieses warme Land ausgewandert war. Nicht für ganz, meinte er anfangs, nur über die kalten Wintermonate. Auch gut. Ihr war es recht gewesen. Warum sollte er das nicht tun. Sie könnte ihn ja ab und zu besuchen, mit dem Flugzeug war es nicht so weit. Und sie würde hier daheim ihr gewohntes Leben weiterführen.
Dass er sich nach kürzester Zeit eine spanische Freundin suchte, bei der er einzog, weil er „einfach nicht allein sein wollte“, und ihr die Schuld dafür gab, weil sie ihn ja allein ließ, dort in Spanien, ja, damit hatte sie nicht gerechnet. Und er hatte es auch vehement verneint zuvor. Sowas „würde er nie machen“. Männer.
Männer und ihre Sprüche. Na ja, was hätte sie machen sollen. Er wollte dort sein, sie nicht. Sie hatte hier ihr Leben, ihre Kinder, ihre Enkel. Ihm war das nicht so wichtig, sie waren nicht seine. Er hatte keine eigenen Enkel. Seine Kinder aus der ersten Ehe lebten in Amerika und Neuseeland, ohne eigene Kinder. Außerdem wollten sie ihn nicht so gerne sehen. Also hatte er sich ohne großes Bedauern in Spanien sein neues Zuhause eingerichtet.
Kein Grund für Änderung
Sie hatten sich nicht scheiden lassen. Wozu auch. Es gab keinen Grund. Heiraten würde er diese junge Spanierin nicht. Sagte er zumindest. Und im Sommer kam er ab und zu zurück. Es war dann eigentlich ganz schön mit ihnen. Sie stritten sich nicht. Sie hatten keinen Grund mehr.
Eleonore seufzte.
Sie sah zum Fenster – und schrie auf! Der spitze Schrei von vorhin – war es ihr eigener gewesen? Da stand doch wieder diese dunkle Gestalt mit dem weißen Gesicht. Nun starrte sie ins Küchenfenster!
Ja stimmt, die hatte sie doch schon vorhin gesehen, als sie die Eingangstür öffnete, weil es geklopft hatte. Sie erinnerte sich wieder.
Sie hatte geschrien, weil die Gestalt am Gartentor stand! Innen drin im Garten, das Tor geöffnet. Sie hatte Eleonore angestarrt. Stumm. Eine Minute. Zwei. Dann hatte sie sich umgedreht, das Gartentor geschlossen, und war gegangen.
Eleonore war völlig erstarrt in der Haustür gestanden. Innerlich zitternd. Hatte dann aber die Lichter im Fenster des Hauses gegenüber wahrgenommen. Und den Kerl – warf sie aus ihrem Bewusstsein. Sofort.
Und jetzt? Starrte er – war es ein er? – sie durch das Küchenfenster an.
Kälte kommt
Sie merkte noch, wie eine eiskalte Welle über Kopf und Schultern, durch Brust und Bauch, in die Beine wanderte. Dann gaben die Beine nach. Sie fiel einfach um. Und rührte sich nicht mehr.
Nach einer Weile wurde die Eingangstür leise aufgesperrt.
Eine dunkle Gestalt mit langem dunklem Mantel und einer weißen Gesichtsmaske trat langsam in die Küche. Betrachtete die tote Eleonore auf dem Holzboden. Bückte sich, fühlte am Hals, ob noch etwas pochte. Zog dann die Maske vom Gesicht, richtete sich auf und murmelte: „So. Jetzt habe ich dich so weit. Du wolltest es ja nicht anders. Wenn du dich nicht scheiden lässt.“
Dann verließ die Gestalt leise das Haus, das jetzt ihm gehörte, und verschwand unbemerkt in der Dunkelheit.
Der Text ist in einer Schreibgruppe am 31.10.2024 entstanden.
Halloween war das Thema: Eine Gruselgeschichte schreiben. Frei wählen, was einem so spontan einfällt.
Keine großen Verbesserungen vorgenommen. Nur die Überschriften hier im Blog hinzugefügt.

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.