Müde steigt Fietje Schnodderjan von der Fähre, wird eingequetscht zwischen all den Touristen an Land, die sein Zuhause, die Hallig Hooge, besuchen wollen. Sie überschwemmen sie mal wieder in Massen, die kleine Insel. Es ist August, die Hauptreisezeit.
Die Fähre hat angelegt
Er sehnt sich nach seiner kleinen Kate unweit des Hafens. Hat sie lange nicht mehr gesehen. War drei Monate auf See, zuvor in Namibia als Saisonarbeiter auf einer Tierzuchtfarm. Er hat genug von all den vielen Leuten, die er um sich hatte die letzten Monate. Freut sich auf daheim und drängt sich durch die Menschen, schubst manche etwas unsanft zur Seite. Nachhause. Er will heim.
Sein Nachbar Friedjoff hat in der Zeit seiner Abwesenheit auf seine geliebte Kate und den Minigarten davor aufgepasst. Mit großen Schritten zieht es ihn zu seinem gemütlichen Heim. Klein, aber fein. Selbst erbaut, mit seinen Händen. Selbst gedeckt mit Reet, das er noch selbst schnitt. Vor zwanzig Jahren.
Fietje hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Hat viel gesehen von der Welt auf seinen vielen Reisen. Einst besaß er einen eigenen Kahn, fuhr zum Fischen mit den anderen Fischern vom Dorf hinaus aufs Meer. Bis der Fang sich nicht mehr lohnte. Deswegen heuerte er auf großen Frachtern an und reiste immer wieder nach fernen Ländern, weit weg von seiner Hallig. Dort verdiente er sein Geld mit dem Arbeiten auf Wildfarmen, wie in Namibia. Oder mit Holz transportieren in Südafrika. Oder bei der Weinernte in Kalifornien. Er konnte viel erzählen vom Arbeiten in fremden Ländern.
Kate in Sicht
Aber nun war er wieder daheim. Sein Herz hüpfte. Dort vorne sah er sie schon, seine kleine Kate. Aber – was war denn das? Irgendetwas Großes wehte vor dem Haus, neben dem Eingang, im kleinen Gärtchen. Er blieb abrupt stehen. Was konnte das sein? Hatte es etwas Schlimmes gegeben während seiner Abwesenheit? Aber dort stand Friedjoff, sein Nachbar, hüpfte auf und ab, und winkte ihm. Fietjes Schritte wurden noch größer, noch schneller. Sein Zuhause. Zu dem auch Friedjoff gehörte.
Er rannte fast. Und dann fielen sich die Männer in die Arme.
„Da bistu wieder.“
„Jo. Da bin ich.“
Fietje Schnodderjan drückte seinen Kumpel Friedjoff, dass der nach Luft schnappte. Dann schob Fietje ihn zur Seite und sagte: „Un? Wat is dat?“
Er zeigte auf eine riesige Figur, die auf einem Stab im Erdreich seines Gärtchens steckte. Sie war so hoch wie sein kleines reetgedecktes Haus.
„Na, wat meinste“, schrie Frietjoff vor Freude. „Doll, was?“
„Ne“, sagte Fietje.
„Dat is ja scheußlich“.
Er knallte seine Tasche auf den Boden.
„Dat is ja ne Vogelscheuche! Und so groß noch dazu. Wofür is dat denn? Da sieht man ja mein Haus nich mehr, und aus dem Küchenfenster kann ich auch nich mehr gucken.“ Sein Blick ruhte finster auf Friedjoff.
Vogelscheuche im Vorgarten
„Aber Fietje!“ schrie sein Nachbar. „Erkennst du sie nicht?“
„Ne“, sagte Frietje Schnodderjan.
„Dat is doch deine Emma! Die Figur von deinem alten Kahn vorne! Der haben wir nur was angezogen. War’n büssch’n kalt und nass im Frühjahr hier.“
Fietje blickte stumm auf die riesige Figur.
„Ne. Dat is nich Emma.“
„Doch, alter Kumpel! So groß war sie! Und dein Pott war doch auch ein Riesenpott. Und die langen Kleider, na ja, die haben ihr die Mädels aus’m Dorf rumgehängt. Sollen Feen-Kleider sein! Die hat dein Haus bewacht, als du diesmal so lange weg warst.“
Fietje Schnodderjan schaute und schaute.
„Ach so“, sagte er.
Dann, nach einer Weile: „Ach jo. Die blonden Haare sin von meiner Emma.“
Schaute. Kratzte sich den Bart, „nu, denn bin ich ja wieder zuhause“, hob seine Tasche auf und ging zur Haustür. Öffnete sie – drehte sich zu Friedjoff um – „un dann bringt ihr Emma mal wieder zum Hafen, wo sie hingehört. Nu pass ich selber wieder auf.“
Sprach’s, die Tür klappte und die Kate hatte ihn wieder.
Zuhause.
Der Text ist am 8.8.24 in einer Schreibgruppe entstanden.
Durch ein Schreibspiel mit Ideen von allen Anwesenden. Wir suchten zuerst eine Dreiwortgeschichte: Drei Worte, spontan, jeder suchte für sich. Stellte dann aber für jeden Anwesenden seine Worte zur Verfügung. Und dann holte man sich die Wörter, die einem am besten gefielen für eine spontan zu schreibende Geschichte.
Meine gewählten Worte: Zuhause – Seemann – Vorgelscheuche
Die Geschichte ist nicht wirklich viel überarbeitet. Ich belasse sie in der hauptsächlichen Grundstruktur und finde sie gut genug, um sie hier in meinem Blog einzustellen.
Es geht nicht um Perfektion. Auch spontan entstandene Geschichten können schön sein.

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.