Debütroman Charlotte Gneuß „Gittersee“

Veröffentlicht am Kategorisiert als Geschichtenerzählerin, Kunstentdeckerin

Liebe Charlotte,

wir kennen uns zwar nicht, aber ich muss dir unbedingt etwas sagen.
Und ich traue mich, dich mit du anzusprechen, weil ich schon in einem Alter bin, in dem ich leicht deine Mutter, vielleicht sogar deine Oma sein könnte, wenn alle ganz früh angefangen hätten, Kinder zu bekommen. Nur deswegen nehme ich das „du“, und hoffe, du verzeihst es mir.

Dein Erstlingswerk


Lass dir nicht dein Erstingswerk zerreden – und das mit Begründungen, die jeder Beschreibung spotten, was die Freiheit des Autorendaseins betrifft.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/charlotte-gneuss-gittersee-buchpreis-ingo-schulze-frank-witzel-maengelliste-100.html

Die DDR und darüber schreiben

Wenn wir nicht mehr fiktiv schreiben dürfen, oder narrativ, und Inhalte so ausbauen, wie man es frei nach Schriftstellerart tun kann und darf und soll – also dann sind die fehl am Platz, die glauben, so entscheiden zu müssen. Das ist meine Meinung. Die ich hiermit kundtue.

Dass es so ein heißes Thema ist, über die Zeit der DDR als nicht ehemalige DDR-lerin zu schreiben – das wusste ich bisher nicht. Nun bin ich schlauer. Und eigentlich nur entsetzt.

Das Beitragsbild stammt aus dem Internet von dieser Webseite. Ich füge es noch einmal ein.


Dürfte ich auch nicht über ein Leben in Brasilien zum Beispiel schreiben, wenn ich dort nicht gelebt habe oder gar aufgewachsen bin? Wieso sollte ich eine Geschichte nicht dort ansiedeln dürfen? Oder wie es ein Bekannter getan hat, über ein Leben als KZ-Häftling, der überlebte, zu schreiben, weil es in seine Geschichte über eine jüdische Begegnung in Israel gehörte. Und wo es um Vergangenheitsbewältigung ging. Wir Nachkriegskinder und Kriegsenkel haben damit zu tun.

Hätte er das auch nicht tun dürfen?

Wie kann sich jemand über das Schwimmen einer Jugendlichen in der verschmutzten Elbe aufregen? Zu der Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, war die Elbe alles andere als sauber. Aber der Liedermacher Wolf Biermann schreibt in einem Lied genau darüber, dass sie es getan haben. Warum also sollte nicht ausgerechnet eine Jugendliche, die sowieso auf der Protestwelle schwimmt, aus welchen Gründen auch immer, in genau diese schmutzige Elbe gegangen sein, um dort etwas zu tun, was man eben nicht tut?

Müssen wir uns jetzt auch schon um unsere dichterische Freiheit Sorgen machen, um ganz simple Sachen, über die sich im Grunde niemand aufregen müsste, weil es sich genauso zugetragen haben könnte? Und wenn nicht – ja, dann ist es eben narrativ.
Und?
Nur weil es um die DDR geht, darf es das nicht sein?

DDR als Westlerin?

Gut, dass ich bisher nicht das Bedürfnis hatte, eine Story in der DDR anzusiedeln. Obwohl ich es könnte. Die gesamte Familie meines Vaters hat nach dem Krieg dort gelebt. Sie sind nach der Flucht eben da gelandet. Er im Westen, als einziger.

Deswegen bin ich im Westen geboren.

Ich hätte nicht gewusst, dass ich über meine Vater-Familie, oder über das Erleben meiner Tante, der Schwester meines Vaters, und meines Onkels und meiner Cousins, nicht einfach nur locker hätte schreiben dürfen, wie ich es sonst gerne mache. Locker drauflosschreiben. Denn – es hätte in einen besonderen Kontext geschoben werden können, weil sie in der DDR lebten, und ich im Westen, und ich ihre Geschichte nur aus ihren Erzählungen kenne. Und allein das könnte mir die Berechtigung dazu aberkennen, ihre Erlebnisse narrativ aufzuarbeiten?

Denn wir Westler habe keine Ahnung von der DDR. Und dann dürfen wir auch nicht darüber, davon, damit, einbauend, Bezug nehmend, lustig, traurig, wie auch immer, schreiben? Das wäre dann was – anmaßend?

Gut, dass ich also bisher nicht das wirkliche Verlangen hatte, über das Erleben und Leben meiner Verwandten in der DDR zu schreiben. Obwohl es mich immer brennend interessierte. Und ich mir so gerne ganz viel erzählen ließ, von meinen Tanten, die ich endlich besuchen konnte, als die Grenzen offen waren. Oder vom Cousin, den ich endlich persönlich kennenlernte. Sie haben erzählt, sie alle haben mir von ihrem Leben erzählt. Vom Leben zu DDR-Zeiten.

DDR erfahren als Westmensch

Und ich war in den DDR-Museen in Berlin und in Wittenberg. Ganz am Anfang der Zeit von DDR-Museen überhaupt war ich in dem von der Lutherstadt Wittenberg. Mein erstes DDR-Museum. Die DDR war unbekannt für mich, und man hörte ja nur immer das, was die Medien im Westen allgemein verbreiteten. Und das hörte sich so anders an als das, was die Familie dann alles erzählte. Ich wollte wissen und sehen vor allem auch, was anders war zu uns im Westen.

Liebe Charlotte, du nimmst es sportlich, so sportlich wie es geht, wenn dir bei jedem Interview immer und immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden zu dieser „Mängelliste“ zu deinem Erstlingswerk. Ich bewundere dich dafür, dass du das kannst, es so ruhig zu akzeptieren. Denn das muss man aushalten können.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Es freut mich sehr, dass du als junger Mensch schon so einen großen Erfolg mit einem Buch haben konntest. Weil du wunderbar erzählen kannst. Dein Name wird uns Literaturliebhabern hoffentlich noch oft begegnen.

Mit den herzlichsten Grüßen von einer West-Frau
mit Namen Anngret

Von Anngret

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.

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