Einmal noch

Veröffentlicht am Kategorisiert als Älterwerden, Persönliches

Einmal noch wollte sie sich mit ihm treffen. Ihn noch einmal hören. Einmal noch ihn sehen. Ihn erleben. Wie würde er heute sein? Was würde er sagen? Wie würde er reagieren, wenn sie nebeneinander saßen, nur sie beide. Bei einer Tasse Kaffee, einem Stück Kuchen, im Cafe bei ihm an der Ecke.

Sie würde zu ihm fahren. In ihre Stadt würde er nicht kommen. Es war ja auch mal seine gewesen. Ihrer beider. Sie hatten sie sich als Domilzil für ihr neues Leben nach dem Ende seines Studiums ausgesucht. Den Ort, wo sie beide ihre Arbeit fanden. Wo sie eine Familie gründeten. Wo später alles zu Ende ging.

Ihn hören

Einmal noch wollte sie hören, was sie sich erzählen würden. Was sie sich zu sagen hatten. Ob sie sich noch etwas zu sagen hatten. Einmal musste dieser Krieg doch zu Ende sein. Das Leben war endlich. Würde er es tun? Wollen? Würde er es wollen? Würde er kommen?

Lebendiges Leben

Oft schon hatte sie es sich überlegt gehabt. Ihn einfach anzurufen. Nein, einfach hinzufahren, zu der Wohnung. Es war die seiner Eltern. Nun wohnte er dort. Die Eltern waren tot. Nun war er der Alte.

Ob er ihr öffnen würde, wenn sie einfach klingelte? Ihn fragte, ob er mit ihr einen Kaffee trinken gehen würde? Er konnte nicht mehr gut gehen, hatte sie gehört. Sie würde ihn unterhaken müssen. Oder vielleicht hatte er eins dieser Wägelchen zum Festhalten. Ob seine Eitelkeit dies zuließe?

Für sie wäre es in Ordnung. Sie könnten doch langsam bis zum Park wandern, sie gehen, er schieben. So wie sie es mit seiner Mutter gemacht hatte. Das Café war an der Ecke. Bald war Pfingsten. Es würden viele Familien unterwegs sein. Es war ein beliebter Ferienort bei ihm.

Kein wirklicher Abschied

Einmal noch. Einmal noch würde es doch gehen. Sie hatten nie wirklich Lebewohl gesagt zueinander. Sich für die gemeinsame Zeit bedankt. Es gab sie doch, die guten Zeiten. Er würde sich sicherlich erinnern können.

Können schon. Nur ob er es tun wollte? Bisher hatte er nicht gewollt.

Aber diesmal, ja, diesmal würde sie es tun. Vielleicht sollte sie doch besser vorher anrufen. Nicht dass er am Ende zu stark reagierte, wenn sie unangemeldet vor seiner Tür stand. Sein Herz war auch älter geworden.

Ja, sie würde es tun. Ihr Entschluss stand fest. Es war an der Zeit.

Pfingsten war da

Die Feiertage kamen. Mit ihnen Kinder und Enkel. Andere Besuche standen an. Die Tage vergingen. Bei ihm rief sie nicht an. Verschob es. Wie so oft. Vielleicht war es nach den Feiertagen sowieso besser.

In der Woche nach Pfingsten kam ein Anruf von der Tochter. Die Nachbarin hatte sie im Familienurlaub in Kroatien aufgeschreckt: Die Polizei hatte nach ihr gesucht. Sie war als einzige Adresse angegeben gewesen.

Tot. Jetzt war es vorbei. Zu spät. Er war an Pfingsten gestorben.

Einmal noch wird es nun nicht mehr geben.

Von Anngret

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.

2 Kommentare

  1. Liebe Anngret, welch eine schöne und auch traurige Geschichte.
    Ja, wir sollten nichts aufschieben im Leben, denn wir wissen nicht, ob die Gelegenheit nochmal kommt.

    Ich wünsche dir viel Freude und Erfolg mit deinem Blog.

    Herzliche Grüße von Anita

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert