Die Walpurgisnacht kommt

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Die Hexen fliegen auf den Blocksberg!
Huiiiih…..! Heut‘ ist Walpurgisnacht!

„Omi!!“
Lena stoppte ihren Lauf im Wald durch das raschelnde Laub.
„Guck mal!“
Sie stand da, ganz ruhig, was ungewöhnlich war für sie, die sonst keine Sekunde aufhören konnte mit Hüpfen, Springen, Suchen, Wühlen.
„Wie unser Collie“, sagte Onkel Herbert immer, wenn er sie erlebte. „Dir fehlt nur die Schnüffelnase und dass du noch damit am Boden lang scharwenzelst“.
„Ach, Onkel Herbert, du bist doof“, bekam er dann als schnippische Antwort von Lena.

Jedenfalls stand sie jetzt da wie angewurzelt vor einem grünen Haufen von Irgendwas aus dem Wald, und starrte dieses Irgendwas an.

Ein Etwas im Wald

„Omi!“ Ihre Stimme quietschte. „Omiiii…!!!“
Tabea drehte sich erschrocken um in Richtung ihrer Enkelin. Oh oh. Dieses Gequietsche bedeutete nichts Gutes.
„Omiii!!“
Sie rannte zu ihr, so schnell es ging, durchs Gestrüpp des Waldes, über Wurzeln, Äste, Dornenranken. Sie hatte nach einem besonderen kleinen Kraut gesucht, das nur hier wuchs, im Unterholz des Mischwaldes am Dorfrand.
„Lena?“, keuchte sie, als sie schnappatmend bei ihr ankam. „Was ist denn los?“
Sie beugte sich zu ihrer kleinen achtjährigen Enkelin hinunter, die stocksteif vor einem Gewirr von Grünzeug, Ästen, noch jungen Brennnesseln, Herbstlaub, Waldabfall eben, stand und auf etwas zeigte, das sie sehen musste. Tabea sah nichts, außer dem Berg von Waldirgendwas.

„Da!“, schrie Lena „da!“ und deutete auf eine Stelle in diesem Haufen.
„Da! Das Blaue da, das Blaue! Sieh doch!“
Tabea sah nichts Blaues. Aber Lena zitterte.
„Mäuschen! Was hast du denn?“
Sie umarmte sie vorsichtig. Ganz steif fühlte sich ihre Enkelin an.
„Lena. Was ist denn?“
„Da, Omi“, flüsterte Lena. „Sieh doch!! Die kleine Hexe mit dem blauen Kopftuch! Und wie sie mich anstarrt! Die hat mich verhext! Ich kann mich nicht mehr bewegen. Hilf mir, Omi!“
Tabea beugte sich weiter vor und starrte in den Haufen.
„Ich seh‘ nichts.“

Das Etwas scheint zu leben

PFLUPP machte es, und Tabea hatte einen nassen Klecks ins Gesicht geklatscht bekommen!

„Iiiih“, schrie sie auf, „was ist das denn?“
Sie war fast umgefallen mitsamt Lena vor Schreck, fasste sich ins Gesicht und … hatte blaue Farbe an der Hand! Blauen klebrigen Glibber!
„Bäh, du meine Güte! Was ist das?!“
Lena starrte zu ihr hoch.
„Omi! Du bist ganz blau! Pfui! Das hat die kleine Hexe zu dir gespuckt. Die ist ja auch ganz blau. Schau doch! Nu sieh doch!“
Verdattert versuchte Tabea den blauen Glibber wegzuschleudern und gleichzeitig die Ursache zu entdecken, woher er gekommen war.

Und PFLUPP! Noch ein Klecks kam geflogen!

Diesmal landete er auf ihrer Hand, mit der sie gerade den anderen Matsch wegwischen wollte!

„Äh, bäh“, schrie sie, sprang hoch und auf die Seite. „Woher kommt das?“

„Da, Omi, da! Sieh doch! Da steckt sie, die kleine Hexe! So eine, wie du sie im Keller hast, ist das! Wieso siehst du sie denn nicht!?“

Zauberei im Wald?

Und dann sah Tabea die Bewegung zwischen den Ästen!!!
Tatsächlich! Da steckte eine kleine Hexenfigur fest! Im Geäst dieses Durcheinanders! Mit blauen Haaren, blauem Gesicht, blauer Kleidung, blauen Händen, einem schwarzen spitzen Hut auf einem blauen Kopftuch – und einem weißen Blütensträußchen auf diesem Hut!

„Ja, hey! Ich seh‘ dich tatsächlich, du kleine Hexi, ja, nun sehe ich dich auch! Hoffentlich darf ich das als Erwachsene, nicht dass du dadurch nicht mehr zaubern kannst!“, rief Tabea nun laut. „Mann, Lena, du hast Recht!“

Lena bewegte sich wieder. Ihre Steifheit war weg. Oma hatte ihr die Angst genommen, weil sie diese kleine Gestalt auch sah.

„Nicht mehr spucken!!“ Tabea schrie es.
„Hey, du kleine Hexi, nicht mehr! Wir tun dir doch nichts! Du hast meine Enkelin aber erschreckt! Was machst du denn da?! Bist du abgestürzt beim Fliegen mit deinem, ja mit was, mit deinem … Besen?“

PFLATSCH.

Der nächste blaue Glibber flog an Lena vorbei ins Laub.

„STOPP!“, schrie Tabea, „STOPP! Nicht spucken! Wir tun dir nichts! Wir können dir bestimmt helfen!!“

Lena und Tabea knieten sich nun hinunter ins Laub und sahen zu der kleinen Hexe.

„Verstehst du uns? Schon, oder? Du sprichst bestimmt unsere Sprache. Sag doch, was können wir für dich tun?“

Keine Fremdsprache nötig

Die kleine Gestalt fuchtelte mit einem Mal ganz wild an den Zweigen, und deutete auf ihren Fuß. Ach herrje, der war eingeklemmt! Und daneben schaute der Griff eines Besens heraus, und der steckte auch tief in dem Gebüschhaufen.

„Oh“, sagte Tabea. „das ist echt blöd. Du steckst fest. Hm. Wie können wir dich nur befreien??“
Sie überlegte. „Wir müssen den ganzen Waldabfall um dich herum wegräumen.“
Sie schaute die kleine Hexe an.
„Hörst du, kleine Hexe, wenn du dich ein bisschen still hältst, tun wir das, ja?“

„Aber Omi! Ich habe Angst!!! Wenn sie uns nun verzaubert??!“

„Ah nein, das tut sie nicht.“ Tabea sah die kleine Hexe an. „Stimmt’s?“
Sie legte den Arm um Lena.
„Sie ist doch nur froh, wenn sie wieder weiterfliegen kann zu ihren Freundinnen. Mich wundert eh, dass ihr noch niemand zu Hilfe gekommen ist von den anderen kleinen Hexen. Stimmt doch, Hexi, oder? Du tust uns nix?“

Tabea war ganz nah zu ihr hingerückt mit dem Gesicht.

Sie traut sich

Lena zupfte an Tabeas Jacke.
„Omi, nicht! … Ich hab‘ Angst …“
„Ne, Lena, keine Angst. Das spür ich, dass uns nichts passiert. Komm, wir befreien die Kleine. Oder nur ich, wenn du nicht möchtest.“



Tabea fasste ganz vorsichtig den ersten Ast an, der den Fuß der kleinen Hexe einklemmte. Und – sie ließ es geschehen! Und dann nahm sie den nächsten Zweig weg, dann einen Tannenzapfen, dann eine Dornenschlinge, die sich um alles herumschlang. Die hielt sie dann noch weg, und schwubs zog die kleine Hexe den Fuß raus.

Da stand sie nun, diese kleine blaue Gestalt. Sie starrte mit großen Augen zu Tabea.

„Ja, ich hol dir noch den Besen, klar.“

Und Tabea räumte mit einem längeren, dicken Ast im Laub und im Geäst herum, wühlte und wühlte, und bekam endlich den kleinen blauen Besen frei!

„Ach, ist der süß“, rief sie aus, als sie ihn befreit hatte. „Schau mal, Lena!“
Die hatte sich hinter ihrer Oma verschanzt, weil ihr diese ganze Sache nicht geheuer war.

„So, Hexi, hier. Du kannst wieder weiterfliegen. Alles ist gut!“

Tabea zog sich langsam etwas zurück vom Irgend-was-vom-Wald-Haufen, und die kleine Hexe blickte stumm zu ihr hin, und dann zu Lena.

Mit einem Mal machte sie „SCHNIPP“ mit ihren kleinen blauen Fingern – und holte so den blauen Glibber von Tabeas Gesicht und den Händen zurück. Wow. Sie hatte gezaubert.

Dann zuckte sie mit den schmalen Schultern, was so viel hieß wie „Tut mir leid“, setzte sich auf den Besen – und SCHWUPP huschte sie aus dem Haufen davon und verschwand im Wald.

War das wirklich passiert?

„Omi, ach Omi“. Lena umarmte Tabea.
„Sowas“, lachte Tabea. „Haben wir das jetzt wirklich erlebt?“
„Mann, Omi, bist du mutig! Dass du dich das getraut hast! Du bist die tollste Omi der Welt!“

„Ach meine kleine Maus!“ Tabea streichelte über Lenas Haar. „Das war jetzt etwas ganz Besonderes. Heute ist die Walpurgisnacht, und da fliegen die weisen Frauen und die kleinen Hexen zu ihrem Treffen auf den Blocksberg. Dass wir das hier erlebt haben, das wird schon seinen Grund gehabt haben. Es wird uns ganz sicher Glück bringen. Denn wir haben die kleine Hexe befreit, und das wird sie uns nie vergessen. Sie wird es weitererzählen. Und so haben wir neue Freundinnen gewonnen.“
Dann überlegte sie kurz.
„Das wird nun wohl unser ganz spezielles kleines Geheimnis bleiben. Es wird uns ja eh keiner glauben, wenn wir es erzählen.“
Sie lachte, umarmte ihre kleine Enkelin, drückte sie ganz fest, gab ihr einen dicken Kuss und drehte sie vor Freude ein paar Mal im Kreis herum.
„Was haben wir zwei nur erlebt! So ein unglaublicher Tag!“

Das Geschenk

„Schau mal Omi, was da in der Kuhle steht, wo die kleine Hexe drin war!“
Lena hatte sich zu dem Was-es-im-Wald-alles-so gibt-Haufen hingebeugt.

Tatsächlich! Da stand ein großes Büschel von dem Kraut mit den kleinen blauen Blüten, das Tabea zuvor im Wald gesucht, aber nicht gefunden hatte, weil sie nach Lenas Schreckensschreien sofort zu ihr gelaufen war.

„Wow. Das glaubt uns keiner, was Lena? Das hat mir die kleine Hexe geschenkt – zum Dank für ihre Rettung!“

Tabea hob das Kräuterbüschelchen vorsichtig aus dem Waldhaufen, und trug es in den kleinen Korb, der am Wegesrand die ganze Zeit stehen geblieben war.

„Danke, du liebe kleine Hexe“, rief sie in den Wald, wohin das kleine Wesen vorhin entschwunden war.

Freudestrahlend und frohgelaunt gingen Tabea und Lena Hand in Hand nach Hause durch den Wald, den sie beide so sehr liebten.

Von Anngret

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.

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