Wacken 2025

Veröffentlicht am Kategorisiert als Unterwegs sein

Aus einer Schnappsidee im August 2024 wurde ein verrückter Tripp zu einem Event, das 2025 fast 85.000 Menschen aus aller Welt angelockt hat. Es findet jedes Jahr statt seit 1990, seit also 25 Jahren, auf einem Untergrund, der eigentlich eine Wiese ist, auf dem Kühe grasen, wenn das Gras wieder nachgewachsen ist. Es muss Wiese bleiben. Das sind die behördlichen Auflagen für dieses Gebiet im Norddeutschen Tiefland, in der Nähe von Itzehoe. Die Nordsee ist nicht weit weg, nur ungefähr 35 km, gemessen an der Meldorfer Bucht. Und eine Wiese, die eine Wiese bleiben muss, für ein Festival dieser Größenordnung, für diese Masse an Menschen, das ist eigentlich das Verrückteste, was es gibt. Wenn es nass wird.

Wasser

Das Wetter kann im Sommer recht feucht werden, unbeständig, kühl, oder auch heiß bis zum kaum auszuhalten. Je nachdem. Alles ist möglich. Die Wiesen sind üppig, saftig. Wasser gibt es viel in der Gegend. Und wenig zum Abfließen, wenn von oben zuviel Wasser runterkommt. Und das Wetter 2025 wurde zur Zeit des Festivals zum absoluten Gegenteil von einem schönen Sommer. Es schüttete. Das war kein Regen mehr. Es goß aus allen Kübeln, die der Himmel finden konnte. Zwischendurch gab es sogar Sturmwarnung. Zeitweise wurde an einen Abbruch des Festivals gedacht, noch bevor es begann. So kam es uns zumindest zu Ohren.

Der Anfang war noch akzeptabel

Man konnte bereits am Montag anreisen, auch wenn das offizielle Festival erst am Mittwoch begann. Am Sonntag musste man bis spätestens mittags abgereist sein. Die früher Ankommenden konnten sich die besten Plätze für Zelt, Wohnwagen und Campingbus aussuchen. Die ersten zwei Tage waren vom Wetter her noch normal durchwachsen, sogar auch mal sonnig zwischendurch. Wenn es so bleiben würde, konnte man dankbar sein.
Aber am Mittwoch gab es Alarm bei den Campern, mitten in der Nacht. Sie wussten nicht, ob der Sturm sie nun hinwegfegen würde. Es hatte tagsüber bereits viel zu viel geregnet. Gegen Abend schüttete es nur noch. Danach war daraus ein ausgewachsenes Unwetter geworden. Irgendwann kam die Entwarnung. Noch in derselben Nacht. Sie konnten bleiben. Es würde doch nicht zum Schlimmsten kommen.

Unsere Anreise


Als wir ankamen gegen 18 Uhr am Mittwoch, mit fast drei Stunden Verspätung durch die Deutsche Bahn, waren die Wege im Gelände schon flüssiger Schlamm. Besonders der Weg vom Eincheckgelände bis zu den Zelten war schon fast unpassierbar! Wer mit Koffer anreiste, der konnte den nur tragend durch diese lange, fast sumpfartige Strecke trocken halten! Wir wechselten beim Ausstieg aus dem Zubringerbus vom Bahnhof unsere Schuhe. Zum Glück hatten wir Gummistiefel vorausgeschickt. Mein Mann hatte sie mitgenommen, er war mit dem Auto vorausgereist.

Auto oder Zelt?

Es schüttete. Ununterbrochen. Bis wir endlich bei den Zelten landeten, die zu unserem Auto am nächsten lagen, waren wir einfach nur tropfnass, trotz unserer Regenkleidung. Das andere Zelt, das wir auch noch gemietet hatten, lag auf der ganz anderen Seite des riesigen Festivalgeländes, eine gute Stunde entfernt! Bis dorthin wollte keiner von uns mehr gehen.

Ich verkrümelte mich ins Auto, blieb dort, und hätte auch dort geschlafen. Mein Mann brachte mich nicht mehr dazu, mich aus diesem zumindest trockenen Ort wegzubewegen, für Stunden nicht. Ich würde stark unterkühlen, es würde zu kalt werden. Er redete auf mich ein. Irgendwann zu später Stunde rutschten und schlitterten wir dann doch noch zum Zelt.

Wacken und eine Schlafbox

Zelt? Na ja, es war mehr eine Schlafbox, die wir gemietet hatten, in der man nicht einmal stehen konnte. Nur liegen und sitzen. Wäre es warm gewesen, eine coole Sache. Was braucht man schon viel auf einem Heavy-Metal-Festival. Aber so? Eine furchtbare Anlegenheit. Aber zumindest schon mit Schlafsack und unseren Decken ausgestattet. Man fror weniger als im Auto.

Plötzlich Wacken

Durch das Wetter, das aus angenehmem Feiern einen großen Matschwahnsinn machte, wurde es zu einem Horrortripp für mich. Ich musste mir das in meinem Alter Wacken antun… Wie konnte ich nur.
In jungen Jahren kam ich nicht auf die Idee, und auch später nicht, als die Kinder auf solchen Festivals unterwegs waren. Die Musik. Laut und schrecklich. So empfand ich es. So empfanden wir Eltern es. Aber irgendwie – das Alter bringt einen dazu, wenn man neugierig und verrückt genug ist, und sich noch nicht auf alten ausgedienten Gleisen sehen mag, dass man Dinge tut, die man zuvor für unmöglich gehalten hätte.

Ich hatte beweisen wollen, dass ich Karten für Wacken bekomme. Es hieß immer, ne, wirst du nicht kriegen. Na, das wollte ich mal sehen. Ich saß vor dem PC am 4. August 2024. Der Kartenverkauf begann. Meine Nummer? 44.104 – das lass man sich mal auf der Zunge zergehen. Ich war bei den ersten dabei. Nur Minuten nach Beginn. Wie die anderen noch früher drankommen konnten? Keine Ahnung, wie die das machen. Wann würde ich dran sein? Kaum auszudenken. Aber ich blieb sitzen. Ich wollte es wissen. Und – ich bekam sie. Ich bekam Karten! Mein Triumpf war groß.

Regencape-Versammlung durchs Fliegengitter der Schlafbox gesehen

Eine Bucketlist

Nur, dass es am Ende so ausgeht, dass auch ich zum Festival fahren würde, das war eigentlich nicht in meinem Begehren gelegen. Ich hatte die Tickets meiner Tochter schenken wollen. Geburtstagsüberraschung. Aber wie es im Leben manchmal so ist, es kommt anders, als man denkt. Am Ende holte mein Mann auch noch zwei Karten, er wollte einmal im Leben in Wacken sein. Bucketlist. Ein Punkt zum Abhaken.

Zuerst fiel eine Person aus, dann noch eine, als das Festival bevorstand. Und bevor wir noch eine Karte verfallen lassen mussten, kam ich ins Spiel. Ungeplant. Gekauft hatte die übrige Karte niemand, obwohl wir sie auf der offiziellen Verkaufs-Plattform lange Zeit angeboten haben. Man findet genug Karten zu einem späteren Zeitpunkt, das wussten wir nur alles nicht. Woher auch. Wir waren Laien, was Heavy-Metal und was Wacken betrifft. So bin also ICH Ende Juli, Anfang August 2025 in Wacken gelandet. Ich, dreifache Oma, nicht die Fitteste, herzmäßig leicht angeschlagen seit dem letzten Herbst wegen wahrscheinlich verschleppter Grippe.

Festgematscht

Sandstrandträume

Ich habe Wacken überstanden. Hätte ich es alleine durch die Schlammwege zum Bus, der zum Bahnhof ging, geschafft, und hätte es nicht so wahnsinnige Wassermassen von oben gegeben, ich wäre sofort wieder verschwunden. Ziel: Sankt Peter Ording, wunderschöner Sandstrand an der Nordsee, mit dem Zug nicht weit weg, und ein Einzelzimmer wäre trotz Ferienbeginn in mehreren Bundesländern, sicher auch noch gefunden worden. Obwohl die Zimmerbelegung bei fast unglaublichen 90% lag!

Aber die beiden anderen fanden es nicht so toll, wenn ich gleich wieder verschwinden würde aus Wacken. Nun ja, alleine wäre ich wie gesagt durch diesen Schlamm gar nicht durchgekommen. Der war so tief und wässrig, dass man mit einem Boot wohl manche Wegstücke besser überwunden hätte. Wenn man einen falschen Schritt machte, lief die Soße in die Gummistiefel. Man hätte diese hohen, die bis zu den Knien reichen, gebraucht.

Schlammkämpfe

Wir wären mehrmals fast in diese Brühe gestürzt. Nur mit Glück, gegenseitiger geistesgegenwärtiger Hilfe und Hilfe von anderen hat es uns nicht erwischt. Nicht jeder kam so gut davon. Ein Achtzigjähriger war volle Kanne mit dem Gesicht voraus im Schlamm gelandet. Erzählten mir zwei Helfer und Mitarbeitende. Mein Mann hat sich böse Wunden an den Beinen zugezogen, weil die Gummistiefel rieben und seine Socken rutschten. Wie er diesen Schmerz aushielt, ich weiß es nicht. Irgendwann war er des Nachts steckengeblieben im Schlamm und von Sanitätern rausgezogen und versorgt worden. Mit einem festen Verband. Den er dann die nächsten Tage nicht mehr abnahm. Was nicht gerade förderlich war für die spätere Heilung. Er konnte lange nicht wirklich Wasser an diese Stellen lassen, es musste trocknen und heilen. Aber Wacken war abgehakt auf seiner Liste.

Mut und Stierkopf

Ich fand nichts lustig. Ich werde nie wieder dort hinfahren. Zumindest habe ich einmal an einem Abend, dem einzigen, an dem es nicht schüttete, den berühmten brennenden Stierkopf aus Metall über den Hauptbühnen in echt gesehen. Doch, das ist beeindruckend. Es war der Abend mit Guns N‘ Roses. Ob sich das deswegen gelohnt hat? Ich kann es nicht sagen. Ein einmaliges Erlebnis. Oh ja. Trotzdem: Ich hätte es nicht haben müssen.

Aber eins ist mir wichtig, festzuhalten:
Ich habe mich getraut, ich habe es gewagt. Und ich habe es geschafft. Mit der Unterstützung meines Mannes, der all unser Gepäck zigmal über die Schammplätze schleppte. Und am Ende des Festivals ließ er meine Hand nicht los, als wir zusammen aus dem Gelände rutschten und schlitterten bis zum weit entfernten Parkplatz. Und mit Hilfe meiner Tochter, die uns beide durch diese Schlammsoße lotste, besonders nach Guns N‘ Roses, und uns alle mit ihrem Humor unterstützte.
Was mich betrifft: Soll einer nochmal sagen, das kannst du nicht, weil zu krank, zu alt, was auch immer. Mein Kardiologe hätte es mir nicht genehmigt. Doch den habe ich nicht gefragt.

Wacken ist abgesoffen 2025

Von Anngret

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert