Als die DDR endlich ihre Mauer öffnete, konnte ich mir meinen sehnlichsten Kindheitswunsch erfüllen: Ich durfte mich auf Luthers Spuren begeben. Durfte endlich all die Plätze und Orte besuchen, die in Luthers Leben wichtig waren.
Ich bin evangelisch getauft, meine Taufpatin war Katechetin. Das ist jemand, der in der Glaubensvermittlung tätig ist, und meist Jugendliche im christlichen Glauben unterrichtet. Ich hatte sie eine Zeitlang im Religionsunterricht an meiner Schule. Und so bin ich doch recht nah mit Kirche aufgewachsen. Mit der evangelischen Kirche. Kirche war immer etwas, was ich liebte, weil ich damit nur positive Erfahrungen hatte. Wir Evangelischen hatten ja auch nicht diesen strafenden Gott und nicht diese strengen Regeln, die es bei den Katholischen gab. Ich kam mir immer sehr privilegiert vor, was den Religionsunterricht betraf.
Im katholischen Bayern lutherisch
Ich bin im katholischen Bayern geboren und aufgewachsen. Mit Flüchtlingseltern aus Pommern und Ostpreußen. Und eigentlich waren wir Evangelischen ja so etwas wie Abtrünnige, und wir Kinder von Flüchtlingen waren sowieso irgendwie allen suspekt. Und dann noch beides sein – Flüchtling und evangelisch. Das war nicht ganz einfach auszuhalten für die Einheimischen. Also bin ich schon immer irgendwie eine Ausnahme unter all den anderen im bayerischen Land gewesen. Aber ich kam mit dieser Besonderheit gut klar.
Die armen Katholischen, so empfand ich es, was die immer alles tun mussten, und was die so im Religionsunterreicht lernen mussten. Das war himmelweit entfernt von unserem herrlichen und freien Unterricht! Und unsere Religionslehrer, die waren einfach super. Wir fuhren in ganz lockere Freizeiten, durften Spaß haben in der Schule, konnten miteinander Bildercollagen bauen, unseren Luther immer mit einbeziehen, wenn wir wollten. Und viel diskutieren, was Freisein bedeutet für uns.
Wenn ich dann die Katholischen anschaute, was die alles mussten – richtiges Beten lernen, die stets richtigen Worte dafür finden. Dann gab es den Rosenkranz, mit dem sie beten mussten. Das hieß, für die kleinen Perlen je ein „Gegrüßest seist du Maria“ beten, für die großen ein „Vaterunser“, und so weiter. So viel beten. Warum? Verstanden habe ich es nicht. Und wirklich erklären konnten sie es mir auch nicht. Dann mussten sie einzeln zur Beichte gehen und dafür Sünden finden. Hatten sie denn welche? Bei uns gab es doch auch keine. Ich fand das alles sehr anstrengend.
Evangelisch sein war toll
Ich fand Evangelisch zu sein toll. Sicher war auch meine Taufpatin nicht ganz unbeteiligt daran, dass es so war. Denn sie erzählte mir viel über Religion, und vor allem auch über Luther. Und den Menschen, den bewunderte ich.

Seine Rebellion gegen diese fürchterlichen Dinge, die in Rom von den damaligen Kirchenoberen dem einfachen Volk auferlegt wurden – ich konnte dem nur zustimmen, dass er dagegen protestierte. Die Thesen, die er 1517 an die Eingangstür der Stadtkirche zu Wittenberg hängte, das war ein Akt, den ich schon als Kind einfach nur genial fand. Das war so unglaublich mutig und vor allem richtig. So kann man nicht mit Menschen umgehen. War schon damals meine Meinung.
Sehnsucht nach Luther im Unterricht
Wenn wir im Schulunterricht über die Orte von Luthers Wirken sprachen, entstand der sehnliche Wunsch in mir, einmal im Leben dort sein können, wo er gewesen ist, wo er gewirkt hat. Ich glaube, ich habe ihn verehrt. Ich fand ihn so mutig und unerschrocken. Die Wartburg war einer der größten Sehnsuchtsorte.

Zu der Zeit, als ich so viel über ihn in der Schule lernte, gab es keine Aussicht, jemals dort sein zu können. Die Grenzen waren dicht. Niemand konnte diesen eisernen Vorhang überwinden. Nur mit Ausnahmegenehmigung.
Mein Vater durfte zum Begräbnis seiner Mutter fahren. Sie war noch am Leben, aber krank, als er die Nachricht bekam, schnellstens zu kommen. Sie würde ihn gerne noch einmal sehen. Er kam dann trotzdem zu spät. Bis all die notwendigen Formalitäten abgewickelt waren, verging einfach zu viel Zeit. Papas Traurigkeit, weil er seine Mama nicht mehr lebend antraf, hat auch mich beeinflusst. Ich war schon als Kind stinksauer auf diese komische DDR. Was musste die denn auch die Leute so drangsalieren. Wieso war das Land zugesperrt? Und meine Lutherstätten durfte ich auch nicht einfach besuchen. Was für ein fürchterlicher Zustand.
Somit war also alles, was mit der DDR zu tun hatte, für mich mit etwas Geheimnisumwitterten verbunden. Ich als Evangelische durfte nicht einfach dorhin reisen, wo mich meine Luthersehnsucht hinwünschte.
Die Wartburg – endlich!
Als sie dann endlich weg war, diese fürchterliche Mauer, habe ich das nachgeholt, was ich so lange nicht tun durfte! Die Wartburg kam als Erstes dran. Ich war stundenlang dort drin. Habe mir jeden Raum ganz genau angesehen. Zum Beispiel das Lutherzimmer! In dem er angeblich das Tintenfass an die Wand warf.

(Foto: FrDr / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0)
Es war für mich einfach nur ein großes Geschenk, endlich dort sein zu dürfen. Ich redete auch mit den Museumswärtern und -wärterinnen. Weil sie mich auch ansprachen. Sie hatten noch nie jemanden erlebt, der so lange in der Burg und in der damaligen Ausstellung blieb.
Ich erzählte ihnen meine Luther-Geschichte und von meinem seit der Kindheit bestehenden Wunsch, die Stätten seines Wirkens zu besuchen. Und sie erzählten mir viel von ihrem Leben in der DDR. Wie es war, dort evangelisch zu sein und das vor allem auch auszuleben. So hat mir Luther sozusagen schon früh zu Originalerzählungen vom Leben der Menschen in der DDR verholfen.
Wittenberg und Luther
Wittenberg war auch eine von den Städten, die ich schnellstens sehen wollte. Die Kirche betreten, durch die Türe gehen, an die er vor Jahrhunderten seine berühmten 95 Thesen angeschlagen hatte. Was für ein erhebendes Gefühl!

Und mein erstes DDR-Museum besuchte ich gleichzeitig, als ich in Wittenberg auf Luthers Spuren unterwegs war. Heute heißt es Haus der Alltagsgeschichte. Wie es damals hieß, weiß ich nicht mehr. Aber es hat mich unglaublich beeindruckt, dieses Museum zu sehen und in die DDR-Zeit einzutauchen. Und auch manches von dem endlich zu sehen, was ich nur aus Erzählungen kannte.
… und die DDR
Als ich meinen Beitrag hier im Blog über den Debütroman von Charlotte Gneuß schrieb, wurde mir wieder bewusst, wie stark ich mich doch eigentlich mit der DDR befasst hatte, in frühen Jahren schon. Es war nicht allein der Umstand, dass ich Luthers Wirkstätten nicht sehen durfte und das mit der DDR verband.
Es war auch der Umstand, dass meine Verwandten von Vaters Seite dort lebten und jahrelang eingesperrt waren, nicht reisen durften wie wir, und wir sie gar nicht kennenlernen konnten. Und dass mich, vielleicht gerade aus diesem Grund, ihr Leben und Erleben im anderen Teil von Deutschland immer schon brennend interessiert hatte. Die Revoluzzerin in mir konnte eingesperrt sein einfach nicht vertragen.
Deswegen hat mich wohl auch der Verriss von „Gittersee“ von Charlotte Gneuß so betroffen gemacht – die DDR-Zeit als im Westen Geborene hat sie narrativ aus Erzählungen aufbereitet. Und das wurde ihr als „Darf sie das überhaupt?“ als Westerlin bitterböse in Frage gestellt.
Jetzt ist es vereint
Inzwischen, nach all den Jahren, hat sich meine Sehnsucht nach Luther mit der Normalität vereint, und das Verherrlichen aus meiner Kindheit und Jugend ist verschwunden. Ich habe genug über den Luther gelesen, der er als Mensch war – ein Kind seiner Zeit eben. Der auch die Juden nicht besonders gut wegkommen ließ. Davon wusste ich damals noch nichts, als ich mich im Unterricht nach der Wartburg und nach der Lutherstube sehnte: Einmal im Leben diese Luft dort atmen zu dürfen.
Ich habe alles nachgeholt. Habe es gehabt. Habe in seiner Stube gestanden. Konnte frei agieren, wann auch immer, was auch immer ich sehen wollte, wie oft, wie lange, wie intensiv. Alles dank dessen, dass diese Mauer, die unser Land einst in zwei Hälften teilte, endlich wieder verschwand. So wurde das in meiner Kindheit noch Unvorstellbare wahr.
Luther bleibt ein wichtiger Mensch in meinem Lebenslauf. Er ist eine Figur aus der Geschichte, der Umwälzendes in Bewegung brachte. Vielleicht rührt auch mein „Geht-nicht?-Das-wollen-wir-doch-erst-mal-sehen“ in meinem Leben von dieser früheren Bewunderung dieses unerschrockenen Menschen Luther her, den auch die Strafandrohungen der Oberen nicht von seiner Überzeugung abbrachten. Eigentlich doch kein schlechtes Vorbild für einen freiheitsliebenden Menschen.
Und eines ist noch sehr wichtig: Meine Reisen auf Luthers Spuren haben mich tief bewegt.

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.