Darauf bin ich stolz:
auf 30 Jahre Mitgliedschaft beim Verein der SOS-Kinderdörfer.
Ich habe schon eine Ehrennadel. Es gibt noch eine weitere Mitgliedschaftsbestätigung. Und, soweit ich mich erinnere, war ich schon dabei, als ich noch eine junge Frau war. Wieso das nicht aufgezeichnet wurde, weiß ich nicht. Aber es ist egal. Ich bin nicht dabei, um geehrt zu werden. Sondern ich bin aus Überzeugung dabei. Und ich wollte diese Urkunde rahmen und aufhängen.

Aus Überzeugung dabei gewesen
Ich bin schon zu Zeiten dafür und dabei gewesen, als noch der Gründer der inzwischen weltweit existierenden Kinderdörfer lebte, Herman Gmeiner (gestorben 1986 im April).
Und nun lese ich gerade, dass es um den Gründer Missbrauchskandale gibt, und auch um die SOS-Kinderdörfer an sich. Bin ich nun wirklich noch stolz darauf, dreißig Jahre beurkundetes Mitglied zu sein? Von einer Sekunde auf die andere hat sich das gewandelt. Kann ich und will ich das so noch aufrechterhalten, obwohl ich jetzt von diesen Skandalen weiß? Selbst in der Tagesschau wurde im Herbst 2025 darüber berichtet. Es war nur bisher nicht bis zu mir vorgedrungen.
Soll es nun bei einem „ich bin dabei gewesen“ bleiben? Soll ich mich wirklich aus einer Sache zurückziehen, die ich grundsätzlich befürworte, weil es leider einige schwarze Schafe gegeben hat? Oder vielleicht noch gibt, oder immer wieder gibt, wenn sie nicht benannt werden?
Ich werde niemals etwas unterstützen, wo Kinder bewusst zu Schaden kommen. Wo es um Missbrauch, egal welcher Art, geht. Missbrauch ist Missbrauch – ob seelischer, körperlicher, gewaltvoller, heimlicher, versteckter, offener. Er gehört an die Öffentlichkeit, und dann aufgearbeitet, wenn es möglich ist.
Wie bewerte ich es nun?
Was verlangt es mir jetzt ab, seit ich weiß, was geschehen ist? Und anscheinend sogar schon durch den Gründer Hermann Gmeiner? Ist es bewiesen? Wer hat es untersucht? Welche Kommissionen sind beauftragt worden? Und wieso ist Österreich sogar aus der internationalen SOS-Kinderdorf-Gemeinschaft ausgeschlossen worden? Was ist dort geschehen? Etwas noch Gravierenderes als anderswo? Noch weiß ich zu wenig, um dazu etwas Eigenes sagen zu können.
Es geht doch im Moment darum – bleibe ich in dieser Unterstützerrolle, wie schon seit Jahrzehnten? Will ich diese Sache, diese im Grunde zutiefst gütige und menschliche Idee, weiter unterstützen? Begründet das böse Tun einiger das Verdammen der ganzen Vereinigung? Ist die Idee des Helfens und der Hilfe für Kinder in dieser Weise damit für alle Zeit bei mir kaputt gemacht worden?
Noch kann ich dazu nichts wirklich sagen. Zu stark noch ist der Schock darüber. Ja, zu frisch ist er noch. Ich wollte voller Freude über diese Urkunde der dreißigjährigen SOS-Kinderdorf-Freundschaft berichten. Wie es begann, dabei zu sein. Was ich davon halte. Warum ich schon so lange dabei bin. Weshalb ich es unterstütze. Warum es mich so freut, dass ich diese Urkunde erhalten habe.
Zweifel über Zweifel
Und nun hält mich der Zweifel zurück, das zu tun. Meiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen. Möchte ich sie noch unterstützen? Der Zweifel stürzt mich gerade in Verzweiflung. Bin ich immer zu gutgläubig unterwegs? Ich wäre einfach nicht auf die Idee gekommen, dass es in dieser Organisation zu Kindesmisshandlungen oder gar Kindesmissbrauch gekommen ist. Wie kann man nur?
War zu Zeiten der Gründung noch die sogenannte „Schwarze Pädagogik“ zu sehr gang und gäbe, dass sie eben auch in den Kinderdörfern angewendet wurde? Wie noch überall in dieser Zeit? Auch ich bin nicht ohne Schläge aufgewachsen! In den Schulen, in unseren ganz normalen Schulen, wurden Kinder noch geschlagen zu der Zeit. Es gab noch lange Jahre Lehrkräfte mit Nazivergangenheit.
Und Schläge wurden nicht als schlimm verdammt. Sondern immer noch als Erziehungsmittel eingesetzt! Sogar ein Erziehungsbuch, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, verfasst von der Ärztin und Nazifrau Johanna Harrer, war noch erhältlich bis in die 1960er Jahre, und wurde in wer weiß wie vielen Elternhäusern als maßgeblich verwendet. Die von ihr propagierten Erziehungsmethoden hielten sich bei uns noch jahrzehntelang. Wir armen Kinder aus dieser Zeit. Es war damals so. Wenn man eine weniger grausame Erziehung genoss, war man wohl privilegiert. Mein Vater war jemand, der nicht prügelte. Der das nicht gut fand. Dafür muss ich wohl dankbar sein.
War die Zeit einfach noch so?
Bei meiner Stiefmutter war das nicht selbstverständlich. Sie ging mit mir anders um, als es mein Vater tat. Sie selbst hatte Gewalt erlebt. Wie es in der Kloster-Schule diesbezüglich zuging, in die sie einige Jahre gehen musste, weiß ich nicht mehr. Was sie darüber erzählte, über Gewalterfahrung, und ob sie darüber etwas erzählte, das habe ich vergessen. Ihre Schwester, eine Tante von mir, hat meinen kleinen Cousin jedenfalls daheim kräftig versohlt, wenn er sich beim Spazierengehen schlecht benahm. Und ich habe ihn nicht einmal bedauert. Sondern fand, das hatte er verdient.
So war das damals! Gewalt ist Missbrauch. Hat man den damals als Missbrauch bewertet? Ich habe es so nicht erlebt. Erst später, als beispielsweise Alice Miller mit ihren Büchern aufmerksam machte, was Gewalt an Kindern den Kindern zufügt, wurde angefangen, damit anders umzugehen. Es machte dafür sensibel, was überhaupt als Gewalt anzusehen ist! Auch die berühmten kleinen Klapse auf Finger oder Po wurden anders bewertet, sind auch Gewalt.
Oh, ich erinnere mich, welche entrüsteten Kommentare ich erntete, als ich in der Eltern-Gruppe, in der ich mit meinen Kindern war, sagte, dass meine Kinder zurückhauen dürfen, wenn ich sie schlagen sollte! Ja, wie soll man Kindern denn beibringen, dass sie etwas nicht dürfen, hieß es! Ich war eine Exotin mit meiner Meinung. Ja, und diese angeblich „kleinen Klapse“ – wann wurden die überhaupt als etwas wahrgenommen, was man Kindern auch nicht antun sollte? Geht das nicht noch bis unsere heutige Zeit weiter, bei manchen Erwachsenen zumindest noch?
Muss ich unterscheiden?
Kann ich so damit umgehen und es anders bewerten, wenn ich das Schlagen von Kindern als lange Zeit gesellschaftlich noch akzeptiert betrachte, auch wenn es falsch war? Und es somit auch noch in diesen Anfangsjahren sozusagen „legitim“ in Kinderdörfern passierte? Wir waren dem alle ausgesetzt, wir Kinder dieser Zeit. Fast alle. Vielleicht gab es schon Ausnahmen. Aber vielleicht nicht unbedingt bei den Verantwortlichen in den Kinderdörfern. Auch wenn man es gerade dort erwarten würde.
Vielleicht kann ich das so, mit dieser Betrachtungsweise, integrieren in mein Verstehen. Und aus diesem Grund meine Unterstützung für die so wunderbare Idee der Kinderdörfer nicht entziehen. Und der seelische Missbrauch? Wenn man gemein zu Kindern ist, sie nicht respektiert, sie beschämt? Soll ich auch das darunter verbuchen, weil ich es selbst erfahren habe, und weil man noch nicht so sehr lange allgemein anders mit Derartigem umgeht? Zumindest in einigen Familien ist man sensibel dafür. Ob es in der Allgemeinheit schon richtig angekommen ist, weiß ich nicht wirklich.
Was ist mit dem anderen Missbrauch?
Wie bewerte ich den? Wie gehe ich damit um, dass das geschehen ist? Es gab ja anscheinend sexuellen Missbrauch in den SOS-Kinderdörfern. Das ist nicht entschuldbar, mit nichts. Kommt es immer noch vor? Oder wird genug dafür getan, dass das ausgeschlossen werden kann? Können die Kinder das anzeigen, wenn sie Derartiges spüren? Wenn sie merken, dass irgendetwas nicht stimmt am Verhalten von einem Erwachsenen?
Ist Gewalt inwischen ausgeschlossen? Werden die modernen Methoden angewandt beim Umgang mit den Kindern? Die gewaltfreie, zugewandte, liebevolle Art? Ist das abhängig vom Land, in dem das SOS-Kinderdorf angesiedelt ist? Fragen über Fragen. Gibt es Antworten darauf? Mich zufriedenstellende Antworten? Soll mein finanzieller Beitrag künftig nur noch gezielt eingesetzt werden, nur für bestimmte Länder? Für bestimmte Häuser? Für bestimmtes Tun? Unterstütze ich damit überhaupt noch eine gute Organisation? Will ich es so noch?
Ich kann doch nicht vorschreiben, wie sie ihr Geld verwenden sollen. Ich kann das doch gar nicht beurteilen, was wie wo am besten wäre. So würde ich es auch nicht wollen. Bisher hatte ich einfach das Vertrauen, dass sie es schon richtig einsetzen werden, und so, wie es benötigt wird. Und jetzt? Jetzt fehlt mir dieses Vertrauen auf einmal.
Es gibt jetzt keine Entscheidung
Ich kann jetzt nicht entscheiden, wie ich mich entscheiden werde. Ob ich anders entscheide als zuvor. Ob ich das ganze Werk verdamme und meinen Beitrag entziehe in Zukunft. Weil es etwas gegeben hat, was ich wirklich absolut nicht noch mit meiner finanziellen Unterstützung weiter erhalten will. Oder entziehe ich damit etwas die Grundlage, was in der Gesamtheit mehr Schaden anrichtet, wenn es diese Organisation nicht mehr gibt, als dass es als Konsequenz aus solchen Skandalen passieren soll? Ich werde nicht die einzige sein, die so denkt. Die Gelder werden weniger werden.
Muss alles neu überdacht werden? Der ganze Ablauf dieser Organisation? Sollen sie es zuerst aufarbeiten, und dann, wenn ich sehe, sie tun es, dann bin ich wieder dabei? Oder fördere ich weiter einen Gedanken der Hilfe, der umgesetzt so viel Gutes bewirkt, dass ich weiter dabei bleiben werde? Auch wenn es diese ganzen Skandale gegeben hat?
Ich werde es sich setzen lassen, darüber nachdenken. Es wird Konsequenzen haben. Weil ich es so nicht stehen lassen kann. Aber im Moment belasse ich es, wie es ist. Wenn Spendenanfragen kommen, kann ich jedesmal neu entscheiden, was ich tun werde. Ich kann nachfragen, Antworten holen, bei dem, was ich wissen will. Zuerst muss einmal der noch zu frische Schock über das Geschehene verarbeitet sein.

Noch werde ich meine langjährige Freundschaft mit der SOS-Kinderdorf-Gemeinschaft nicht aufkündigen.
Das Beitragsbild zeigt eine Kompass-Qualle aus unserem diesjährigen Urlaub an der Adria. Vielleicht ist das Bild dieser Qualle wichtig für meine SOS-Kinderdorf-Unterstützungs-Richtung: Wohin wird sich die Kompassnadel drehen? Ich werde es abwarten.

Noch ist der Blog neu und im Entstehen. Anngret schreibt Geschichten, veröffentlicht im Blog Alltagserlebnisse, schreibt über Frauenthemen, über Erlebnisse auf ihren Reisen, übers Älterwerden in Würde und Gesundheit, erzählt über die neue sanfte Medizin und einfach über alles, was das Einfach-Mensch-Sein ausmacht. Sie hat eine Ausbildung zur Psychologischen Beraterin, war im Berufsleben im Steuerbereich tätig und ist jetzt in Rente.